Oktopusarme

Es ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung, mich wie mit Oktopusarmen langsam heranzutasten. Dabei dachte ich, dass so ein Coming-out ein einmaliges Ereignis sei. Ein großer Moment, der, so unangenehm er auch sein kann, vorbeigeht. Wie ein Pflaster, das runter muss, und voilà, erledigt. Aber nein.
Jedes neue Kennenlernen ist geprägt von Abwarten und Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Zeilen, die möglicherweise eine positive oder negative Reaktion auf mein Mich-Öffnen vorhersagen könnten. Plötzlich benötigt es eine Strategie, eine passende Situation zu finden, in der das Thema nicht zu forsch, nicht zu schwer, aber auch nicht zu bedeutungsvoll, sondern möglichst beiläufig klingt.
Ob am Arbeitsplatz oder in neuen Freundschaften: Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Offenheit und Schutz. Sobald ein beiläufiger Satz über meine Freundin gefallen ist, werfe ich schnell weitere hinterher, um dem Gegenüber keine Gelegenheit zu geben, zu lange über diese neue Information nachzudenken.
Wenn dann irgendwann ganz selbstverständlich gefragt wird: „Und, wie geht’s deiner Freundin?“, bin ich stolz. Stolz, dass ich es, trotz anderer Erfahrungen, geschafft habe, mich zu öffnen. Dass ich mir ein Stück Normalität erkämpfen konnte.
Denn outen muss sich nicht jede*r. Egal, wie beiläufig ich meine Beziehung thematisiere, sie wiegt dennoch schwerer als die heteronormativen Beziehungen meiner Freundinnen. Wenn wir die Rollen vertauschen würden? Die Vorstellung, dass sich heterosexuelle, cis-Menschen bei ihren Eltern outen müssten, wirkt fast lächerlich. Genau diese Absurdität zeigt die ungleiche Ausgangslage.
Mein „Normal“ sollte nicht mit Herzklopfen und Oktopusarmen verbunden sein. Das kann sich jedoch nur ändern, wenn ich mich immer wieder aufs Neue wage und möglicher Ablehnung entgegentrete. Sichtbarkeit kostet Mut. Aber Ehrlichkeit verschafft Freiheit, mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin.
