American Signatures - Ich bin begeistert von Ballett
Mit American Signatures präsentiert die Volksoper Wien vier Werke der amerikanischen Choreograf:innen Jerome Robbins, Pam Tanowitz, Lar Lubovitch und Jessica Lang.
Der Ballettabend war so abwechslungsreich, dass ich für zwei Stunden alles um mich herum vergessen konnte. Die vier Stücke könnten unterschiedlicher kaum sein und immer wieder wurde mir vor Augen geführt, wie beeindruckend körperliche Kunst sein kann. Hier sind meine Eindrücke.
Interplay – verspielte Leichtigkeit
Der Abend beginnt mit Jerome Robbins’ Interplay und man hätte keinen besseren Einstieg wählen können. Acht Tänzer:innen in bunten Kostümen wirbeln über die Bühne in ständig wechselnden Konstellationen, fordern sich heraus und haben Freude am Tanzen.
Ohne vorher irgendetwas über das Stück gelesen zu haben, hatte ich das Gefühl, zwei Freundesgruppen dabei zuzusehen, wie sie miteinander spielen, sich gegenseitig beeindrucken wollen und gleichzeitig füreinander da sind. Jede Person bekommt ihren Moment im Rampenlicht und darf zeigen, was sie kann.
Begleitet von der wunderbaren Musik entsteht eine Atmosphäre, die ansteckend ist. Tatsächlich kamen mir während des Stücks kurz die Tränen, weil für einen Moment alles leicht und unbeschwert erschien. Wenn man dieses Ballett sieht, scheint die Welt wieder ein bisschen besser.
Dispatch Duet – Chaotik und scharfe Linien
Das zweite Werk, Pam Tanowitz’ Dispatch Duet, schlägt einen völlig anderen Ton an. Bereits die Kostüme haben mich beschäftigt. Sie erinnerten mich zunächst an eine Marlboro-Zigarettenschachtel, dann an zwei Magneten, oder vielleicht an die Beziehung zwischen einem Menschen und seinem Schatten, seinem dunkleren Gegenüber. Stellt sich heraus, dass es in diesem Werk, welches 2022 choreografiert wurde, tatsächlich um zwei Tänzer:innen geht, welche sich, laut Edith Wolf Perez, “in einem amikalen Kräftemessen zu übertrumpfen suchen”.
Die titelgebende Musik von Ted Hearne (Dispatches) klingt mechanisch, fast industriell. Ich empfand sie als anstrengend, stressig und chaotisch. Gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, dass genau das beabsichtigt war. Die Unruhe der Musik verstärkt die Wirkung der Choreografie und lässt die Spannung auf der Bühne noch stärker hervortreten. Besonders beeindruckend sind die Präzision der Tänzer:innen und die außergewöhnlich klaren Körperlinien. Jede Bewegung erscheint scharf gezeichnet und bewusst gesetzt.
Each In Their Own Time – mein Favorit
Der dritte Teil des Abends, Each In Their Own Time von Lar Lubovitch, war für mich einer der schönsten Momente des Programms.
Choreografiert von Lar Lubovitch und begleitet von einem live gespielten Klavier tanzen Davide Dato und Rinaldo Venuti ein Stück voller Leichtigkeit und Harmonie. Ihre Bewegungen fließen wie Wasser und Wind. Nichts wirkt schwer oder erzwungen. Stattdessen entsteht ein Eindruck völliger Mühelosigkeit.
Besonders beeindruckend ist, wie sehr der menschliche Körper hier selbst zur Kunst wird. Die Tänzer biegen, drehen und formen sich zu ständig wechselnden Bilder. Es ist einer dieser Momente, in denen man nicht nur Tanz sieht, sondern tatsächlich Kunst in Bewegung erlebt.
Let Me Mingle Tears With Thee – Die Tragödie und Hoffnung
Nach der Pause folgt mit Jessica Langs Let Me Mingle Tears With Thee, choreografiert 2023, der emotionalste und visuell stärkste Teil des Abends.
Schon die Bühnengestaltung ist beeindruckend. Besonders das lange, beige Schleiertuch prägt viele Szenen.
Im Zentrum des Werks steht die Gottesmutter Maria, die unter dem Kreuz um ihren Sohn Jesus trauert. Text und Musik kreisen über 40 Minuten um Verlust, Schmerz, Liebe und Vergebung. Dabei gibt es keine festen Rollen: Die fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer verkörpern abwechselnd Mutter und Sohn.
Die Choreografie ist außergewöhnlich musikalisch. Jede Bewegung scheint sich direkt aus der Opernmusik zu formen. Zu Beginn wirkt das Stück schwer und beinahe erschütternd, dann entstehen immer wieder Momente von Leichtigkeit und Hoffnung, bevor sich erneut Trauer und Sehnsucht einschleichen.
Besonders berührend war das Solo der Schleierfigur. Es wirkte traurig und voller Schmerz. Immer wieder stellte sich die Frage, ob die Begegnungen zwischenden Figuren real sind oder nur noch in Erinnerungen und Träumen stattfinden.
Bemerkenswert ist außerdem, wie abwechslungsreich die Choreografie mit nur zehn Tänzer:innen wirkt. Obwohl nie große Menschenmengen auf der Bühne stehen, entstehen ständig neue Bilder und Konstellationen. Keine Szene gleicht der anderen.
Mehr als nur ein Ballettabend
American Signatures ist ein abwechslungsreicher und äußerst gelungener Ballettabend. Die vier Werke von Jerome Robbins, Pam Tanowitz, Lar Lubovitch und Jessica Lang stammen aus verschiedenen Zeiten. Der Abend beginnt mit dem lebensfrohen Interplay von 1945, gefolgt von dem Dispatch Duet von 2022 , dem Each In Their Own Time von 2021 und schließt mit Let Me Mingle Tears With Thee aus dem Jahr 2023 ab.
Die Vielfalt, welche sich aus den Stücken bildet, ist ganz besonders. Innerhalb von zwei Stunden wechseln sich jugendliche Lebensfreude, experimentelle Formen, poetische Intimität und Spiritualität ab. Während dieser Zeit riss mich der Abend in eine andere Welt. Für 105 Minuten waren alle Sorgen und negative Gedanken weit weg. Ich saß im Moment und konnte nicht aufhören zu staunen, was Menschen mit Musik und Bewegung schaffen können.
Unsere Welt dreht sich schnell. Besonders durch die Digitalisierung werden wir rund um die Uhr mit Nachrichten, Reizen und Informationen konfrontiert. Hektik und Stress wurden längst normalisiert. Ständig wird versucht, unsere Aufmerksamkeit mit neuen Produkten, neuen Trends, neuen Schlagzeilen zu gewinnen. Wir lernen keine Pause einzulegen, immer weiterzumachen, ständig produktiv zu sein, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu schaffen.
Dabei vergessen wir manchmal, was uns eigentlich bewegt. Was uns begeistert. Wer wir sind, wenn wir für einen Moment nichts “schaffen” müssen.
In meinem Fall ist meine Leidenschaft für Ballett in Vergessenheit geraten. Ich habe schon immer Ballett geliebt, aber ich könnte dir nicht sagen, wann ich, vor American Signatures, zuletzt eine Vorstellung besucht habe.
American Signatures hat mich an diese Leidenschaft zurückerinnert, mich zu mir selbst geführt, indem es mir zeigte wie kraftvoll und berührend Kunst sein kann.
Kunst sollte kein Luxus sein. Mehr Leute sollten die Möglichkeit haben, Kunst zu erfahren. Kunst muss geschützt werden. Wir brauchen Kunst, um in einer immer schneller werdenden Welt nicht den Bezug zu uns selbst zu verlieren.
Kunst muss weiterhin unterstützt, gefördert und wertgeschätzt werden.
