Ein Anti-Liebesbrief an den Literaturkanon

Queere Literatur war schon immer da, sie wurde nur aus dem Kanon verdrängt. Zeit, dass Woolf, Hal & Co. endlich im Klassenzimmer Platz nehmen dürfen.
Diktatoren der Literaturgeschichte: Im Klassenzimmer besetzen Shakespeare, Goethe und Kafka alle Stühle. Queere Autorinnen finden da eben keinen Platz. Sogenannte Klassiker nehmen den Deutschunterricht ein, dabei sind die Begriffe „männlich“ und „cis“ nicht gleichzusetzen mit „bedeutend“. Ganz und gar nicht. Queere Literatur ist kein Phänomen der Gegenwart und Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf sind dafür ein nur all zu gutes Beispiel.
Viele kennen die in feministischen Kreisen bekannte Autorin der literarischen Moderne, besonders für ihren Essay „Ein Zimmer für sich allein“. Woolf ist eine der weiblich gelesenen Personen, die im Kanon überlebt haben. Doch das Thema Queerness wird selten diskutiert, zumindest im schulischen Kontext.
Beim erstmaligen Lesen des Werks „Orlando“ war mir weder bewusst, wie viele queere Themen der Roman behandelt, noch dass Woolf diesen als Liebesbrief für ihre langjährige Freundin und Geliebte Vita Sackville-West verfasst hat. Zum Glück lese ich gerne in meiner Freizeit. Sonst wären noch mehrere Jahre vergangen, bis ich herausgefunden hätte, dass queere Literatur bereits vor 100 Jahren existiert hat. Jenseits von Oscar Wilde. Ich las und las und plötzlich verwandelte sich ein Mann namens Orlando in eine Frau. 1928. Ziemlich revolutionär, oder?
Zwar war Orlando der längste, aber nicht der einzige Liebesbrief, den Woolf für Sackville-West formulierte. Die beiden Schriftstellerinnen verfassten zahlreiche Zeilen, in denen sie ihre gegenseitige Zuneigung ausdrückten und verwendeten häufig den Begriff „sapphisch“ – ein Synonym für „lesbisch“, abgeleitet von der antiken Dichterin Sappho – um einander zu beschreiben.
Es gibt nur begrenzte Zeit im Deutschunterricht. Klassiker sind da natürlich am wichtigsten. Wer hat jedoch entschieden, welche Werke Klassiker sind und welche nicht? Natürlich war es einfacher, veröffentlicht zu werden, wenn die ganze Gesellschaft hinter einem stand. Wenn „Mann“ gefördert, ernst genommen und nicht zensiert wird. Wenn „Mann“ nicht einen Namen wie Eliot annehmen muss, um gehört zu werden.
Oft muss queere Literatur von damals quer gelesen werden. Was heute als eine interessante Interpretationsmöglichkeit gilt, war damals eine Notwendigkeit, um nicht zensiert zu werden. Im viktorianischen England und in vielen Teilen Europas gab es damals strenge Regeln. Queere Inhalte mussten so gut wie möglich versteckt werden. Wem dies nicht gelang, wurde mit einer Zensur bestraft.
So zum Beispiel Radclyffe Hall. Ihr Roman „Quell der Einsamkeit“ erzählt von einer Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen. Ein erwähnter Kuss reichte für einen Prozess wegen Obszönität. Hall verlor und ihr Buch wurde verboten. Dass Woolfs Werke veröffentlicht werden konnten, ist ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Verschlüsselung zu verdanken. Gerade noch so an der Zensur vorbeigeschrammt.
Queere Literatur existiert also nicht erst seit einigen Jahrzehnten. Aber wo bleibt ihre Sichtbarkeit? Bei meiner U-Bahn-Station sind die Wände mit Gesichtern bedeckt, angeblich „wichtige Persönlichkeiten“. Großteils Männer. Viele Flinta* und Queere Personen verschwinden im Nebel des Patriarchats, gerade auch im geschichtlichen, literarischen und schulischen Kontext. Ist also queere Literatur heute wirklich sichtbar oder nur für diejenigen zugänglich, die gezielt danach suchen?
Queerness muss genauso im Schulunterricht behandelt werden wie Feminismus oder Umweltschutz, die heute als gesellschaftlich relevante Themen in die Allgemeinbildung inkludiert werden. Solange „schwul“ als Schimpfwort durch die Schulflure hallt, liegt es an Schulen, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden.
Ein gemeinschaftliches Miteinander kann durch vielfältige Allgemeinbildung und eine Fächerung der Themen erleichtert werden. Ich möchte mich im Kanon vertreten sehen. Repräsentation ist wichtig. Es besteht ein Problem, wenn kollektiv vermittelt wird, dass queere Menschen in der Literaturgeschichte nicht existiert haben. Denn wir haben schon immer existiert und wir werden es auch weiterhin. Also: „Fuck you, Goethe“, Woolf setzt sich heute auf deinen Platz.
