Das Missverständnis Romantasy

Seit 2024 gehört Romantasy zu den meistverkauften Buchgenres und mit seinem Erfolg entstanden zahlreiche, teils gegensätzliche Meinungen. Für manche ist das Lesen von Romantasy ein feministischer Akt. Immerhin geht es um ein Genre, in dem Frauen im Zentrum stehen, in dem stereotypische Männlichkeit anhand der Weiblichkeit und Stärke der Protagonistinnen durchbrochen wird. Für sie ist Romantasy eine Art Entzug zur Realität. Andere hingegen werten das Genre ab. Diese beschreiben Romantasy oft als oberflächliche Fantasy und “fairy porn”.
Doch warum ist Romantasy entweder radikal feministisch oder völlig bedeutungslos und weshalb geben wir dem Genre kein Raum dazwischen?
– Begriffserklärung –
Der Begriff “fairy porn”, oder “faerie porn” beschreibt genau das, wonach es klingt: explizit beschriebene erotische Szenen, auch genannt “Spice”, mit erregten Feen oder Elfen. Der Begriff wird heutzutage synonym verwendet mit dem Wort “Smut”, welches aus dem 17. Jh. stammt und ursprünglich “Fleck” oder “Schmutz” bedeutete. Smut wird heute als eine Form der Erotica verstanden: eine Art von Literatur, die darauf abzielt, die Leser:innen sexuell zu erregen.
Der Begriff Female Gaze beschreibt den weiblichen Blick. Er stammt aus der feministischen Filmtheorie und löst sich im Gegensatz zum Male Gaze von patriarchalen Annahmen des binären Geschlechterkonstrukts ab.
Die Abwertung des Genres ist kein Zufall. Romantasy stellt sich als Gegenkultur zur lange männlich dominierten Fantasy dar. Während die klassische Fantasy häufig aus einer männlichen Perspektive erzählt wird, rückt Romantasy den sogenannten female gaze in den Mittelpunkt. Damit widerspricht das Genre den gewohnten Erzählmustern. Frauen werden nicht als Objekt männlicher Phantasie, sondern als aktiv handelnde Subjekte dargestellt, die Macht, Lust und Selbstbestimmung erfahren. Diese Abweichung vom Traditionellen irritiert und führt dazu, dass das Genre schnell als „Smut“ oder „fairy porn“ abgewertet wird. Diese Bezeichnungen zeigen jedoch nur, dass es leichter fällt, etwas abzuwerten, als tief verankerte Denkmuster zu hinterfragen. Schlussendlich sagen die Begriffe weniger über die Qualität des Genres aus, als mehr über die gesellschaftlichen Wahrnehmungen von Weiblichkeit.
Megan Scott, Autorin von The Temptation of Magic, beschreibt ihre Leidenschaft für Romantasy folgend: “Romantasy ermöglicht es Frauen, sich mächtig zu fühlen, ohne dass sich ihr Umfeld davon angegriffen fühlt. Du kannst als eine Hexe, Prinzessin, Diebin oder Auftragskillerin sein. Du bist mächtig und stark. Du bist liebenswert […], denn es gibt einen Seelenverwandten oder eine Prophezeiung, die für dich bestimmt ist, welche dir für einen Moment die Sorgen und den Stress des echten Lebens entnimmt. In Romantasy können wir wieder aufatmen und träumen.”
In Zeiten, in denen traditionelle Rollenbilder verstärkt propagiert werden, wächst bei vielen Frauen das Bedürfnis nach Rückzugsräumen. Romantasy bietet genau das: Welten, in denen Weiblichkeit nicht mit Schwäche gleichgesetzt wird, sondern mit Macht. Selbst wenn diese Geschichten häufig patriarchale Strukturen thematisieren, haben die Protagonistinnen die Möglichkeit, aktiv etwas zu verändern. So taucht man bei Romantasy in eine Welt ab, in der Frauen ihre Stärke ausleben können.
Eindeutig muss nicht jede Lektüre als politisches Statement verstanden werden. Das Gefühl, der Realität zu entfliehen, ist keineswegs exklusiv für Romantasy. Es ist vielmehr der Kern des Lesens selbst. Menschen lesen, weil es ihnen Freude bereitet, weil es ihnen erlaubt, für einen Moment jemand anderes zu sein oder woanders zu existieren. Dies würde ich gleichsetzen mit anderen Hobbies. Letztlich ist die Antwort auf die Frage, warum wir unsere Freizeit mit solchen Aktivitäten verbringen, erstaunlich simpel: weil sie uns abschalten lassen. Wir suchen gezielt nach Momenten, die uns Kontrolle, Sicherheit, Ablenkung oder pure Freude geben, ob durch Sport, Videospiele, Filme oder kreatives Gestalten, spielt dabei kaum eine Rolle.
Gerade weil wir alle eigentlich nach dem gleichen Gefühl streben, wirkt es so irritierend, wie oft die Vorliebe für bestimmte Hobbies, in diesem Fall dem Genre Romantasy, gerechtfertigt oder gar verteidigt werden muss. Nicht jede Leseentscheidung muss politisch aufgeladen sein. Vielleicht lesen Menschen Romantasy schlicht, weil es ihnen gefällt.
Und das sollte eigentlich Grund genug sein.
