Treue oder Teilhabe? Die Kontroverse um Emerald Fennells Wuthering Heights

Heights. Foto: 2026 Warner Bros. Ent/PA
Seit der Bekanntgabe der Casting-Entscheidung für Emerald Fennells Wuthering Heights gibt es im Netz hitzige Diskussionen. Im Zentrum dieses Debakels steht Fennells Entscheidung, Jacob Elordi als Heathcliff zu besetzen. Während Heathcliffs ethnische Herkunft in Emily Brontës Buch bewusst vage gehalten wird, wird er dennoch als dunkelhäutiger „Zigeuner“ mit schwarzen Augen und dichten Brauen beschrieben, was ihn klar als „rassifizierter Anderer“ abgrenzt.
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Wuthering Heights ist ein romantisches Filmdrama von Regisseurin Emerald Fennell. Der Film ist lose an den klassischen Roman Wuthering Heights von Emily Brontë aus dem Jahr 1847 angelehnt und schildert die leidenschaftlich-turbulente Beziehung zwischen Catherine Earnshaw (Margot Robbie) und dem Findelkind Heathcliff (Jacob Elordi), das von der Earnshaw-Familie aufgenommen wird. Im Zentrum steht eine Liebe, die soziale Klassen und selbst den Tod überdauert, zugleich jedoch Zerstörung, Besessenheit und einen Kreislauf aus Rache auslöst, der sich über zwei Generationen hinweg fortsetzt. (Zusammenfassung mit Unterstützung von ChatGPT erstellt.)
Die Kontroverse um Fennells Film ist Teil einer langjährigen Debatte: Müssen Literaturverfilmungen werkgetreu sein? Laut Kathryn VanArendonk, Kritikerin beim New York Magazine, ist „Treue ein bedeutungsloses Ziel“ und ein „zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, das sowohl kreativ bankrott als auch langweilig ist“. Eine „treue“ Buchadaption nehme der Regie jegliche kreative Freiheit und degradiere den Film zu einer „reinen Übersetzung“.
Die Idee einer solchen „reinen Übersetzung“ ist problematisch. Einerseits beinhaltet jede Adaption eine Reihe kreativer Entscheidungen: die Festlegung des Aussehens eines Charakters und somit auch die Besetzung der Rolle, die Gestaltung von Bühnenbild und Kostümen, die Wahl der Kamerawinkel und der Schnitt. Keine dieser Entscheidungen ist neutral; sie alle sind ein Akt der Interpretation. Andererseits fragt VanArendonk zu Recht: Was ist der Sinn dahinter, sich eine mühsame Rekonstruktion von etwas anzusehen, das man bereits kennt und mag, wenn diese völlig leer an eigenständigen Ideen oder Perspektiven ist?
Doch diese Position übersieht bedeutsame Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme ist Fennells Wuthering Heights. Wenn eine Regisseurin beschließt, ein Buch aus der Perspektive weißer Privilegien zu adaptieren, verlagert sich die Diskussion weg von „Genauigkeit“ und „Treue“ hin in den Bereich der Repräsentation. Und Repräsentation spielt eine Rolle.
In einem Interview auf FM4 formuliert Dr. Lioba Schlösser, Filmwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Popkultur sowie Gender- und Queer Studies, einen zentralen Gedanken zur politischen Dimension von Repräsentation im Film. Sie argumentiert, dass Filme nur produktiv für den öffentlichen Diskurs sein können, wenn gesellschaftliche Dimensionen mitgedacht und für einen Dialog genutzt werden, der Annäherung ermöglicht. „Unterschiedliche Personengruppen müssen gleiche Chancen, Sichtbarkeit und Teilhabe erhalten, ohne die künstlerische Freiheit und Interpretationsoffenheit des Mediums einzuschränken“, betont sie.
Wendet man Schlössers Überlegungen auf Fennells Wuthering Heights an, wird deutlich, dass der Anspruch gleicher Chancen, Sichtbarkeit und Teilhabe nicht eingelöst wurde. Fennell begründete ihre Besetzungswahl mit den Worten: „Man kann nur den Film drehen, den man sich selbst beim Lesen vorgestellt hat“. Diese Argumentation macht sichtbar, wie stark individuelle Vorstellungskraft von gesellschaftlicher Prägung beeinflusst ist. Wenn eine Regisseurin Heathcliff ausschließlich weiß imaginiert, verweist das auf Normvorstellungen, die aus einem privilegierten Umfeld stammen.
Auffällig ist zudem, dass Diversität ausschließlich über Nebenfiguren hergestellt wird: Nelly wird von der vietnamesisch-amerikanischen Schauspielerin Hong Chau gespielt, Edgar Linton von dem britischen Schauspieler Shazad Latif mit pakistanischen Wurzeln. Diese Besetzung folgt einem bekannten Muster symbolischer Inklusion, ohne Macht und Begehren neu zu verteilen. Zwar verfügt Edgar über ökonomisches Kapital, im Film wird er jedoch als passiv und ohne Handlungsmacht dargestellt.


Foto 1: Hong Chau als Nelly. Foto: 2026 Warner Bros. Ent/PA
Foto 2: Edgar Linton, gespielt von Shazad Latif. Foto: 2026 Warner Bros. Ent/PA
Auch Jacob Elordi äußerte sich zu den Veränderungen an der Geschichte: „[…] Mich interessiert die Interpretation eines großen Kunstwerks durch jemand anderen – neue Bilder, frische Bilder, originelle Gedanken“. Umso problematischer ist es, dass Whitewashing weder ein neuer noch ein frischer Gedanke ist, sondern ein altbekanntes Muster innerhalb der Filmindustrie.
Gerade deshalb ist Wuthering Heights kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren strukturellen Problems. Anfang 2026 war die Schauspielerin Odessa A’zion heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie eine Rolle als Latina annahm. A’zion war als Zoe Gutierrez besetzt worden, eine mexikanisch-jüdische Figur im A24-Film Deep Cuts. Nach Online-Kritik darüber, dass eine Nicht-Latina für eine spezifisch lateinamerikanische Rolle besetzt wurde, stieg A’zion aus dem Projekt aus.
Vor diesem Hintergrund sollte Fennells Entscheidung, Elordi als Heathcliff zu besetzen, nicht allein auf einen Mangel an Genauigkeit oder eine neutrale künstlerische Wahl reduziert werden. Es ist eine Entscheidung, die breitere, strukturelle Gewohnheiten in der Filmindustrie widerspiegelt – Gewohnheiten, die das Weißsein weiterhin in den Mittelpunkt stellen.
In diesem Kontext laufen Debatten über Werktreue Gefahr, am eigentlichen Punkt vorbeizugehen. Die dringendere Frage ist nicht, ob eine Adaption ein Buch originalgetreu wiedergibt, sondern wessen Perspektiven sie priorisiert und wessen sie dabei auslöscht. Es geht nicht darum, Adaptionen bloß zu reproduzieren, sondern ihre gesellschaftlichen Implikationen mitzudenken.
