Fluidität oder Ästhetik? – Wie Sprache queere Identitäten vereinfacht
Der Mythos, Queerness sei nur eine Phase, existiert seit Jahrzehnten – unabhängig davon, ob er in homophoben, heteronormativen oder queeren Kreisen verbreitet wird. Der Kontext ist hier jedoch entscheidend: Abwertung, Unwissenheit oder Rückeroberung.
Genau dieses Thema spiegelt sich auch in Sozial-Media-Trends wider. Im Netz spuken Begriffe wie „Gay-Era” oder „Bisexual-Era” herum. Der Begriff „Era” wurde dabei maßgeblich von der US-Pop-Sängerin Taylor Swift geprägt und wird in den sozialen Medien als humorvolle Selbstbezeichnung verwendet. So nutzen beispielsweise viele Personen die Trend-Überschrift „In my Gay-Era“.
Doch genau diese Aussagen stoßen bei vielen queeren Personen auf Widerstand. Zum einen befeuern sie die alte Theorie, Queerness sei nur eine experimentelle Phase. Zum anderen wird es als Verschönerung eines Themas gewertet, das mit Anfeindungen und Hass konfrontiert ist. Die Fortführung der Betrachtung von Queerness als Trend kann der Community jedoch langfristig schaden.
Ein anschaulicher Vergleich ist die Biphobie, die Abneigung und Diskriminierung bisexueller Menschen, welche oft durch das bestehende „Phasen-Vorurteil” gestützt wird. Der sogenannte Bi-Boom vor einigen Jahren war wichtig für Sichtbarkeit und gesellschaftliche Diskussion, hinterließ aber bei Teilen der Gesellschaft das Bild, Queerness und vor allem Bisexualität seien eine reine Entscheidung oder ein Übergangsbegriff, bis die „wahre Identität“ gefunden wird.
Ähnliches trifft ebenfalls auf andere queere Identitäten zu. Nichtbinären Menschen wird zum Beispiel eine Erwartungshaltung entgegengebracht, sich irgendwann für eines der „zwei Geschlechter” entscheiden zu müssen. Häufig sind jedoch solche Begriffe nicht nur eine Übergangslösung, sondern gelebte Realität.
Verändern sich die eigenen Labels im Laufe der Jahre, wird jene Zeit, in der man sich zum Beispiel als bisexuell bezeichnet hat, als „bisexuelle Era” bezeichnet, um diesem Zeitabschnitt ein Ende zu setzen. Doch der Ausdruck einer queeren Phase untermauert jenes Stereotyp, das bereits lange an queeren Menschen haftet. „In my Gay-Era“ reflektiert zwar die Fluidität von Lebensrealitäten, stellt diese aber zugleich stark vereinfacht dar.
Zwar kann eine humorvolle Auseinandersetzung in sozialen Medien helfen, sich sicherer in der eigenen Haut zu fühlen und schwierige Themen ins Positive zu rücken. Wenn Queerness jedoch ebenso wie andere Themen als „woke” eingestuft wird, entsteht eine gefährliche Verherrlichung des queeren Lifestyles, die die harte Realität verdeckt.
Genau diese Verwässerung komplexer Realitäten zu harmloser Ästhetik ermöglicht es Unternehmen, Queerness zu vereinnahmen und ebenso schnell wieder abzulegen. Dieses Phänomen zeigt sich besonders bei Marken im Pride-Monat, die ihre Schrift in Regenbogenfarben tauchen. Ein Trend, der im letzten Jahrzehnt ins Extrem eskalierte und inzwischen wieder abgeflaut ist.
Von der Verkaufsstrategie hin zum radikalen Gegenteil: Im Jahr 2026 erleben wir immer mehr Firmen, die den Regenbogen zurücknehmen, um sich scheinbar „unpolitisch“ zu zeigen und Kontroversen aus dem Weg zu gehen. Man könnte paradoxerweise genau deshalb das „Rainbowwashing“ schon wieder vermissen.
Wenn also Queerness von Unternehmen entweder zum Trend hochstilisiert oder im Zweifel sofort zurückgenommen wird, bleibt am Ende nur noch die eigene Positionierung als ehrliche Instanz. Letztendlich sollte es jedem selbst überlassen sein, wie man sich bezeichnet und mit dem Thema Queerness auseinandersetzen möchte. Gleichzeitig gilt es, Stereotype nicht weiter zu befeuern und darüber nachzudenken, wie man sich nach außen gibt. Denn Queerness ist und muss eine politische Auseinandersetzung bleiben, besonders wenn Mythen durch reproduzierte Sprache fortbestehen.
Es gilt also zu unterscheiden: Während die Aussage „Es war nur eine Phase” impliziert, die Identität sei nie echt gewesen, erkennt der Begriff „sexuelle Fluidität” an, dass mehrere Identitäten zu verschiedenen Zeiten gültig waren. In einer Gesellschaft, die zunehmend von den sozialen Medien abhängig ist, müssen wir darauf achten, dass politisch relevante Themen nicht in dem wilden Mix an TikTok-Trends untergehen.
