Zwei Generationen und die Pille
Zwei Generationen berichten, wie ihr Umfeld die Pille erlebt hat. Ein Wandel von Angst und Tabuthema hin zu gesellschaftlicher Normalisierung.
Während die Pille in den 1980er-Jahren für unverheiratete Frauen noch mit Scham, gesellschaftlicher Kontrolle und Tabus verbunden war, wird sie heute häufig schon Jugendlichen als medizinische Standardlösung verschrieben. Für diesen Beitrag wurden zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen interviewt.
Maria ist heute 56 Jahre alt und wuchs in Trieste auf. Ihre Jugend verbrachte Sie in den 1980er-Jahren, in einem Umfeld, in dem Sexualität kaum offen thematisiert wurde.
Lea ist heute 24 Jahre alt, lebt und studiert gerade in Heidelberg. Für sie war die Pille bereits früh Teil medizinischer Behandlung.
Die beiden Interviews zeigen, wie unterschiedlich weibliche Sexualität, Verhütung und der Umgang mit dem eigenen Körper innerhalb nur einer Generation bewertet wurden.
Wie war es in den 1980er Jahren, als junge Frau an die Pille zu kommen?
Maria : Du musstest als erstes ein kurzes Gespräch mit der Familienplanungsstelle führen und nur wenn sie dich als ,reif genug‘ eingeschätzt haben, haben sie dir einen Frauenarzt-Termin vereinbart. Ich war zweimal dort. Beide Male habe ich die Pille nicht bekommen. Beim ersten Mal, mit 17 Jahren, wurde ich mit Büchern über die Genitalien des Mannes und der Frau nach Hause geschickt und beim zweiten Mal, mit 18, wurde mir vor dem Frauenarzt-Termin so Angst gemacht, dass ich wieder umgekehrt bin.
Was hat man dir über die Pille vermittelt?
Maria: In der Schule haben wir etwas über die Anatomie des Mannes und der Frau gelernt, wenig über den Zyklus und überhaupt nichts über Sex oder Verhütung. Von meiner Familie habe ich immer nur gehört, dass die Pille das Leben zerstöre. Es wurde gesagt, sie sei schädlich und nach einem Jahr Einnahme könne sie unfruchtbar machen.
Wie würdest du sagen, wurde weibliche Sexualität gesellschaftlich bewertet in deinem Umfeld?
Maria : Also, wenn ein Mädchen Interesse zeigte oder auch nur ein bisschen aktiv wurde, galt es sofort als ,leicht zu haben‘. Schon ein Kuss konnte dazu führen, dass Jugendliche und Erwachsene, Lehrer, einem Wörter wie: ,Luder‘ oder ,Flittchen‘ hinterherriefen. Man hatte ständig Angst, von anderen verurteilt zu werden. Man hat von außen wirklich zu fühlen bekommen, dass man als Frau, nicht an Sex interessiert zu sein ist. Die einzige Akzeptanz, in diesem Kontext hieß, dass du ganz klar zu heiraten hast und die Pille zur Familienplanung nimmst. Ich hatte Freundinnen, welche von zu Hause ausgeschlossen wurden, weil sie mit der Pille erwischt worden waren.
Freundinnen von dir wurden von zu Hause rausgeworfen, weil sie die Pillen nahmen?
Maria : Ja! Beispielsweise war eine Freundin von mir eines Tages weinend in die Schule gekommen. Wir fragten sie, was passiert sei, ob sie schwanger wäre. Als die Antwort darauf hieß, sie sei nicht schwanger, waren wir schon mal sehr erleichtert, weil dies bedeutete, dass wir noch weiterhin mit ihr befreundet sein konnten. Die Freundin meinte, dass ihre Eltern ihre Pille gefunden hätten. Weil meine Freundin, gerade noch unter 18 Jahren alt war, haben ihre Eltern den Freund wegen Vergewaltigung angezeigt. Es war ein richtiges Drama. Ab dem Punkt wurde sie von zu Hause aus komplett kontrolliert und ausgeschlossen. Sie wurde zur Schule gebracht und wieder abgeholt, durfte ihre Freunde nicht sehen, geschweige ihren Freund, und nicht einmal mehr mit ihrer Familie abends zusammen am Tisch essen. Dies ging so lange weiter, bis sie schließlich aus dem Haus rausgeworfen wurde.
Wann hast du schlussendlich selbst die Pille genommen?
Maria : Mit 19 oder 20 Jahren habe ich mich bewusst dafür entschieden, den so ,schrecklichen‘ Frauenarzttermin durchzuziehen. Aber tatsächlich hatte ich eine überraschend positive Erfahrung beim Termin. Der Arzt hat mich sehr ernst genommen und war sehr verständnisvoll. Das hatte ich so gar nicht erwartet. Immerhin war ich bereit etwas Schamvolles und Abstoßendes über mich hinzunehmen, um die Pille endlich verschrieben zu bekommen. Ich glaube, mein Frauenarzt damals war die erste Person, die nicht über die Einnahme der Pille geurteilt hat. Das hat mir definitiv die Angst und Schuldgefühle weggenommen.
Was hat die Pille denn für dich persönlich bedeutet?
Maria : Für mich stand die Pille für Erwachsenwerden. Ich wollte unbedingt unabhängig sein, eigene Erfahrungen sammeln, nichts im Leben verpassen und selbst über mein Leben bestimmen. Sie bedeutete für mich Freiheit.
Lea, 24, erzählt von einer anderen Realität. Während die Pille für ältere Generationen oft mit Angst und Scham verbunden war, wurde sie für Lea eine medizinische Lösung ihrer frühen gesundheitlichen Beschwerden.
Wann wurdest du zum ersten Mal mit dem Thema Pille konfrontiert?
Lea: Tatsächlich etwa mit 11 Jahren. Allerdings nicht als Verhütungsmittel, sondern weil ich sehr starke und unregelmäßige Regelblutungen hatte. Ich weiß noch, dass meine Eltern mich an einem Tag gefragt haben, weshalb ich so schwach, müde und bleich aussehe, worauf ich antwortete, dass ich eben seit fast zwei Wochen meine Periode habe. Daraufhin ist meine Mutter mit mir zum Frauenarzt gegangen und er hat mir dann die Pille verschrieben.
Wann wurde dir die Pille als nächstes verschrieben und wie sehr wurdest du über diese aufgeklärt?
Lea: Im Alter von 17 Jahren ging ich zu einer Frauenärztin, um mir die Pille als Verhütungsmittel verschreiben zu lassen. Die Frauenärztin hat mich kurz aufgeklärt, aber sie war sehr judgy, sie hat mir abgeraten überhaupt Sex zu haben, ganz nach dem Mean Girls Motto: ,and then you have sex, and then you die‘.
Über die Nebenwirkungen der Pille hat sie mich nicht aufgeklärt. Ich habe mich mit diesen erst befasst, als ich konstant weinen musste. Mein Vater hat mir daraufhin die Nebenwirkungen der Pille vorgelesen, darunter Depressionen und Thrombose. Das war das erste Mal, dass ich davon gehört hatte.
Wie ist die Frauenärztin mit den Beschwerden umgegangen?
Lea: Mir wurde so oft einfach eine andere Pille verschrieben. Bei jeder neuen Beschwerde war die Lösung: Pillenwechsel.
Wie wurde die Pille in deinem sozialen Umfeld wahrgenommen?
Lea: Ganz selbstverständlich. Ich habe mehrere Freundinnen, die die Pille aus den unterschiedlichsten Gründen genommen haben. Eine hat sie wegen Akne genommen, der anderen wurde sie im Alter von 12 wegen hormonellen Schwankungen verschrieben, sie hat die Pille 10 Jahre lang genommen, und weitere haben sie einfach zur Verhütung benutzt. Es war normal, sie zu nehmen. Vor allem Mädchen, die einen Freund hatten, haben sie oft genommen. Es war kein Tabuthema oder so, man hat die Pille eben nicht groß hinterfragt. Ich habe das Gefühl, es wurde als ,Alleskönner‘ angesehen, als ,super Ding‘ verkauft.
Wann hast du begonnen, die Pille kritischer zu sehen?
Lea: Ich glaube, vor allem durch Social Media und durch Gespräche mit Freundinnen, habe ich bemerkt, dass viele verschiedene und teilweise sehr ähnliche Erfahrungen mit der Pille gemacht haben.
Beispielsweise hatte ich während der Einnahme oft das Gefühl, einen Schleier vor mir zu tragen. Ich war ständig müde, alles hat sich schwer angefühlt und ich glaube, nach der langen Einnahme wurde dies zu einem Normalzustand von mir. Erst als ich die Pille abgesetzt habe, war dieses Gefühl plötzlich weg. Ich habe einen deutlichen Unterschied gespürt und wie sich herausstellt, teile ich diese Erfahrung mit anderen Frauen.
Was hat die Pille denn für dich persönlich bedeutet?
Lea: Die Pille war für mich einfach Mittel zum Zweck, zuerst zur Regulierung des Zyklus, später zur Verhütung. Also Sicherheit, nicht schwanger zu werden.
